Verzettelt: Warum das gar nicht schlimm sein muss

Verzettelt: Warum das gar nicht schlimm sein muss

Kennst du das auch? Der Kalender platzt aus allen Nähten, ein Termin jagt den nächsten, und trotzdem hast du das Gefühl, nicht wirklich voranzukommen. Du weißt genau, was zu tun wäre – aber irgendwie kannst du es nicht abrufen. Als wäre da eine unsichtbare Blockade zwischen dem Wissen und dem Handeln.

Ich kenne das nur zu gut. In meiner letzten Rolle als Geschäftsführer gab es diese Phasen immer wieder. Meetings von früh bis spät, keine Gelegenheit zum Reflektieren, keine Zeit zum Durchatmen. Und das Paradoxe: Ich wusste eigentlich immer, was zu tun war. Die Prioritäten waren mir klar. Aber ich war trotzdem blockiert. Habe nicht klar priorisiert. Vor allem mich habe ich nicht klar priorisiert.

Das Papier verrät mich

Weißt du, woran ich immer wieder erkenne, dass ich wieder dabei bin, mich zu verzetteln? Wenn ich anfange, auf Papier zu arbeiten. Nicht aus Lust am haptischen Erlebnis – obwohl ich schöne Notizbücher und gute Stifte durchaus zu schätzen weiß – sondern aus Verzweiflung. Wenn die digitalen Systeme nicht mehr reichen, wenn ich den Überblick verliere zwischen all den Nachrichten auf verschiedenen Kanälen, den offenen Aufgaben in unterschiedlichen Tools, den Notizen, die irgendwo verschwunden sind.

Das Papier wird dann zum Rettungsanker. Plötzlich schreibe ich wieder To-Do-Listen von Hand, skizziere Gedanken, versuche das Chaos in meinem Kopf auf ein Blatt zu übertragen. Und eigentlich ist das ein wunderbares Warnsystem: Wenn ich wieder zum Papier greife, dann ist es Zeit innezuhalten.

Die Euphorie des Beginnens

Vielleicht liegt es in der Natur von Menschen, die gerne gestalten und bewegen: Wir fangen zu viele Sachen an. Die Euphorie liegt im Erschaffen, in der Ideenentwicklung. Das ist der Bereich, in dem viele von uns stark sind – neue Möglichkeiten sehen, Verbindungen knüpfen, Visionen entwickeln. Die Struktur, die Systematik, die Operative – das kommt oft später. Manchmal zu spät.

Und dann marschiert uns die Operative. Es gibt ja immer etwas zu tun. Immer eine E-Mail, die beantwortet werden sollte. Immer ein Projekt, das vorangebracht werden könnte. Immer eine Aufgabe, die noch wartet. Das Innehalten, das sich selbst Ordnen, kommt dabei meist zu kurz.

In Projekten passiert das besonders gerne. Eigentlich ist am Anfang alles klar – Ziele, Meilensteine, Verantwortlichkeiten. Dann ist man mittendrin und merkt: Da läuft noch das Tagesgeschäft weiter. Die Familie zu Hause versteht nicht, warum man schon wieder später kommt. Die Kinder wollen auch Aufmerksamkeit. Private Nachrichten bleiben länger unbeantwortet. Die Extrameile im Job kostet Energie an anderen Stellen. Wieder verzettelt.

Der Teufelskreis des Aufholens

Dann kommen diese vermeintlich ruhigen Tage. Das Wochenende. Der freie Abend. Die Gelegenheit, endlich wieder alles auf Vordermann zu bringen, aufzuholen, zu ordnen. Aber was passiert? Der Familienalltag bleibt liegen. Die Zeit mit den Kindern wird zur Nebensache. Die Beziehung leidet, weil man mental eben doch noch bei den unerledigten Aufgaben ist.

Ein Teufelskreis. Je mehr wir versuchen aufzuholen, desto mehr verzetteln wir uns in anderen Bereichen. Je mehr wir uns auf das Berufliche konzentrieren, desto chaotischer wird das Private. Und umgekehrt.

Verzettelt ist für mich deshalb oft synonym für überfordert. Es ist das Gefühl, den Überblick verloren zu haben. Nicht mehr zu wissen, wo die eine Wahrheit steht, wo der rote Faden ist, wo der Anker liegt.

In Bildern denken

Manchmal hilft es mir, in Bildern zu denken. Dinge grafisch zu ordnen. Statt zu versuchen, die vielen kleinen Informationen sofort zu lösen, sie erst einmal in ein größeres, zusammenhängendes Bild zu malen. Oder umgekehrt: Ein vorhandenes, vielleicht eingefahrenes Bild in kleine Teile zu zerlegen und strukturiert neu zusammenzusetzen.

Alleine durch diesen Prozess entsteht oft schon eine neue Klarheit. Und ganz sicher lösen sich dabei manche Verzettelungen wie von selbst auf. Es ist wie bei einer Waldlichtung nach einem Sturm: Auf den ersten Blick sieht alles chaotisch aus – umgefallene Bäume, durcheinander geworfene Äste, scheinbare Unordnung. Aber wenn man genauer hinschaut, erkennt man die natürliche Logik dahinter. Und mit der Zeit ordnet sich alles neu: Junge Triebe finden Platz, die Lichtung wird zu neuem Lebensraum, aus dem scheinbaren Chaos entsteht eine andere, oft sogar reichere Ordnung.

Die Erlaubnis zur Unperfektion

Was mir geholfen hat, wieder mehr in meiner Mitte zu sein? Diese Verletzlichkeit zu zeigen. Einzugestehen, dass ich nicht alles im Griff habe. Dass ich Hilfe brauche. In einem Coaching meine persönlichen Blockaden anzugehen, statt immer nur die äußeren Umstände optimieren zu wollen.

Das hat am Ende nicht jede Situation aufgelöst. Es hat nicht dazu geführt, dass ich plötzlich perfekt organisiert war oder nie wieder das Gefühl hatte, überfordert zu sein. Aber es hat sehr wohl verändert, wie souverän ich in diesen Situationen gewesen bin.

Und das ist vielleicht der wichtigste Punkt: Verzettelt zu sein ist okay. Es ist normal. Es ist menschlich.

Wer viel bewegt, darf seine Struktur immer wieder überdenken. Wer Neues erschafft, darf dabei auch mal den Überblick verlieren. Wer wächst – als Person oder mit seinem Unternehmen – darf auch mal nicht auf alles eine Antwort haben.

Die Generationen-Perspektive

In unserem Quartalsdenken, in unserer permanent vernetzten Welt, haben wir oft vergessen: Nachhaltige Transformation braucht Zeit. Sie braucht Phasen des scheinbaren Chaos, des Suchens, des Neu-Ordnens. Wie ein Baum, der seine Wurzeln erst tief und breit ausbilden muss, bevor er stabil in den Himmel wachsen kann.

Vielleicht ist das Verzetteln sogar ein notwendiger Teil des Wachstums. Ein Zeichen dafür, dass wir uns nicht mit dem Status quo zufriedengeben, sondern neue Wege erkunden. Dass wir bereit sind, Bekanntes aufzugeben, um Besseres zu erschaffen.

Die Frage ist nur: Geben wir uns selbst die Erlaubnis dazu? Oder verurteilen wir uns für jeden Moment der Unordnung, für jeden Tag ohne perfekte Struktur, für jede Phase, in der wir nicht hundertprozentig im Griff haben, was um uns herum passiert?

Der Mut zur Pause

Es ist okay, sich rauszunehmen. Es ist okay, einen Tag lang nur zu ordnen, statt zu produzieren. Es ist okay zu sagen: „Heute brauche ich Zeit, um wieder zu verstehen, wo ich stehe.“ Es ist okay, den Kalender zu leeren, die Notifications stumm zu schalten und sich die Zeit zu nehmen, die man braucht.

Und ja, es ist auch okay, Hilfe anzunehmen. Von Kolleg:innen, von Coaches, von der Familie. Von Menschen, die einen von außen betrachten und dabei Muster erkennen können, die wir selbst nicht sehen, weil wir zu mittendrin stecken.

Nicht jede Tagesverfassung ist für den gleichen Ansatz geeignet. Manchmal brauchen wir die Kreativität des Papiers, manchmal die Struktur digitaler Systeme. Manchmal sind wir bereit für große Würfe, manchmal brauchen wir die kleinen, überschaubaren Schritte.

Eine Grundstruktur kann dabei ein Anker sein – nicht als starres Korsett, sondern als flexibler Rahmen, der uns Orientierung gibt, wenn die Wellen höher schlagen.

Die Einladung zum Experiment

Deshalb lade ich dich ein: Wenn du dich gerade verzettelt fühlst, wenn du den Eindruck hast, dass du zwar viel machst, aber nicht wirklich vorankommst – dann ist das erst einmal völlig in Ordnung.

Nimm dir einen Moment Zeit und frage dich: Wo stehe ich gerade? Was sind die wirklich wichtigen Dinge? Und vor allem: Wo bin ich selbst in dieser Gleichung? Wie kann ich mich selbst wieder priorisieren, ohne dabei alles andere zu vernachlässigen?

Vielleicht hilft dir das Bild der Waldlichtung: Statt mit Gewalt Ordnung schaffen zu wollen, betrachte erst das scheinbare Chaos. Erkenne, dass unter der Oberfläche – wie bei einem Wurzelsystem – oft schon eine natürliche Ordnung entstehen will. Manchmal braucht es nur Zeit und den richtigen Blickwinkel, damit sich die Struktur von selbst zeigt.

Oder probiere den Perspektivwechsel: Statt dich dafür zu verurteilen, dass du nicht alles im Griff hast, sieh das Verzetteln als Zeichen dafür, dass du wächst. Dass du dich nicht mit dem Bestehenden zufriedengibst. Dass du bereit bist, neue Wege zu gehen.

Transformation braucht Raum

Am Ende ist das vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Echte Transformation – die, die in zehn oder zwanzig Jahren noch trägt – braucht Phasen der scheinbaren Unordnung. Sie braucht Menschen, die bereit sind, Gewohntes in Frage zu stellen. Die den Mut haben, sich zu verzetteln, um dann bewusst neue Strukturen zu erschaffen.
In einer Welt, die immer schneller wird, ist das Innehalten ein rebellischer Akt. In einer Zeit, die permanent Perfektion verlangt, ist das Eingeständnis der eigenen Überforderung ein Zeichen von Stärke.
Du darfst verzettelt sein. Du darfst um Hilfe bitten. Du darfst dir Zeit nehmen zum Ordnen. Du darfst erkennen, dass du nicht alles allein schaffen musst.
Denn am Ende geht es nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, authentisch zu bleiben. Sich selbst treu zu sein. Und zu vertrauen, dass nach jeder Phase des Chaos eine neue Ordnung entsteht – eine, die diesmal wirklich zu dir passt.

Was denkst du? Kennst du diese Momente des Verzettelns? Wie gehst du damit um? Ich bin gespannt auf deine Gedanken und Erfahrungen.

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